Die frohe Botschaft

Meine Kurzgeschichte aus dem Weihnachtsheft Nr. 13 - "Lieb Nachtigall wach auf" - ein Projekt von Lisa Kuppler

Langsam erlosch das Licht im Konzertsaal, das Publikum verstummte. Ein paar letzte Huster. Der Dirigent hob den feinen Stab. Wartete. Als er ihn senkte, erklang die Trompetenfanfare, die Baschar jedes Mal einen Schauer durch den Körper jagte. Heute war Gustavs großer Abend, er würde das Trompetenmotiv in der nächsten Stunde immer wieder spielen, und das Publikum würde ihn am Ende dafür feiern.

Baschar mochte die ersten beiden Sätze dieser Sinfonie nicht besonders, ihre dramatischen Dissonanzen erinnerten ihn zu sehr an seine letzten Tage in Aleppo und den Weg über das Meer. Doch um nichts in der Welt hätte er seinen Platz als Kontrabassist in dem Jugendorchester aufgegeben. Schon gar nicht jetzt, da Alma neben ihm spielte. Sie teilten sich das Notenpult. Eigentlich sollte er nur die Noten und den Dirigenten im Blick behalten, doch Alma sah heute, beim letzten Konzert des Orchesters vor Weihnachten mit dieser eigentlich ziemlich unweihnachtlichen Sinfonie, so besonders aus. Immer wieder schielte er zu ihr. Konzentration, sagte er sich. Er durfte den Einsatz nicht verpassen. Er wandte sich dem Stimmführer seiner siebenköpfigen Kontrabassgruppe zu. Dessen Handbewegung reichte, und schon strich Baschar mit dem Bogen über die dicken Saiten, merkte wie Alma sich im selben Takt über ihren Bass beugte, der Musik folgte. Die tiefen Töne füllten den Konzertsaal, vermischten sich mit den klagenden Geigen, den dissonanten Bläsern, dem donnernden Schlagwerk. Alma lächelte Gustav zu. Er sah aus wie der Hauptdarsteller aus dem Film mit den phantastischen Tierwesen, ein blasser Jüngling mit aschblonder Haartolle. Der Mädchencrush im Orchester.

Baschar war nicht besonders gut auf ihn zu sprechen, denn Gustav hatte ihn damals, als er neu in das Orchester gekommen war, mit den Worten begrüßt, ob er was mit Assad zu tun hätte wegen des Namens. Seine Erklärung, dass Baschar „frohe Botschaft“ bedeute und er genau vor diesem Assad geflohen sei, hatte Gustav schon nicht mehr interessiert. Und so war er ihm aus dem Weg gegangen. Aber jetzt strahlte Alma diesen Look-a-like an. Sie trug tatsächlich Lippenstift, trotz der Maske, die doch immer alles verwischte, weshalb Lippenstift in dieser Zeit einfach nur Unsinn war, wie er von seiner Schwester gelernt hatte.

Achtung, der Einsatz zum langsamen Teil mit der Harfe und dem Pizzicato für die Bässe. Die sanften Geigentöne stiegen im Rund des Saals auf, das Publikum, das um die Bühne mit dem Orchester herumsaß, schien die Luft anzuhalten. Diese Liebeserklärung des Komponisten an seine Frau verstand Baschar, und da er sie auswendig konnte, blickte er wieder zu Alma. Bei den Proben hatte er ihr bei diesen Takten sogar noch helfen können. Geschmeidig bewegte sie ihre von schwarzem Tüll verhüllten Arme, der ihre Haut durchscheinen ließ, vorn aber bis zum Hals reichte und in einer kleinen Fliege endete. Ein Mädchen mit Fliege, er konnte sich kaum von ihr losreißen. Almas Brüste hoben und senkten sich zum Auf und Ab der Klänge, ihre Glitzerkorsage funkelte. Sie schien ihren Kontrabass zärtlich zu umschlingen, so wie er sie am liebsten in den Arm genommen hätte. Der Leih-Bass erzitterte unter seinen Bewegungen. Seine eigene Fliege schien ihm zu eng zu werden. Alma hatte sich in seine Gedanken und Träume gedrängt seit dem Moment, als sie bei der ersten Probe zu diesem Konzert neu zum Orchester gestoßen war. Ein paar Minuten zu spät hatte sie ihren Bass durch die Tür gewuchtet, ein ‚Sorry, Leute, hi, ich bin Alma‘, hinterhergeschoben und gestrahlt. Dann hatte sie sich neben ihn gestellt und der Duft von Orangen und Jasmin war zu ihm herübergeweht. Sofort hatte er den Garten seiner Großmutter wieder vor Augen gehabt und wie er als kleiner Junge zwischen Oliven- und Orangenbäumen hinter seinem Hund hergetollt war.

Er riss sich von Almas Anblick los. Der Abschlusssatz begann mit einem sanften Trompetenstoß von Gustav, dann Flötenklänge, die beinahe dem Gesang einer Nachtigall glichen, doch viel mehr fröhliches Landleben in Mitteleuropa darstellen sollten. Der heitere Abschluss der Sinfonie entsprach schon mehr der weihnachtlichen Stimmung, die angeblich in diesen Wochen in der Stadt herrschen sollte. Baschar hatte das allerdings in den vergangenen Jahren, seit seiner Ankunft hier, noch nicht feststellen können. Weihnachten war nicht sein Fest. Das hektische Gedränge in der Innenstadt machte ihn nervös. Doch während der Proben hatte er einen Hauch dieser Stimmung gespürt. Die Frotzleien zwischen den Jugendlichen hatten aufgehört, Gustav war zwar weiterhin stolz auf seinen Trompetenpart, doch er führte sich nicht mehr wie der Oberking auf, der Alma in jeder Sekunde beeindrucken wollte. Sie waren als Orchester zusammengewachsen.

Es war unglaublich, wie Alma dieses große Instrument zum Klingen brachte. Im Orchester in Aleppo hatten die Mädchen nur die kleineren Instrumente gespielt. Gerade schüttelte sie die linke Hand aus, bewegte die Finger. Zu gern hätte Baschar ihre Fingerkuppen berührt, ob sie auch so eine Hornhaut hatten vom kräftigen Niederdrücken der Saiten. Aber er hatte es ja noch nicht mal geschafft, außerhalb der Proben einen normalen Satz mit Alma zu reden. Sie hatten sich immer nur über ihren Part unterhalten. Er wusste nicht einmal, ob Alma seine Hilfe schätzte oder ob das für sie völlig selbstverständlich war. Alma beobachtete den Dirigenten. Einsatz, die letzten Takte, die Bässe nahmen das Motiv auf.

Alma bewegte sich sanft vor und zurück, lächelte zu den Geigen. Ihr lockerer Bun bewegte sich. Jasmin- und Orangenduft umfingen Baschar. Crescendo, Triangel, alle Instrumente zugleich. Abschlusspaukenschlag. Zwei Sekunden Stille. Eine Stimme aus dem Publikum sagte leise, aber resolut: „Bravo.“ Dann Applaus, immer lauter wogte er durch diesen Konzertsaal, in dem jeder Ton so gut zu hören war. Der Dirigent verbeugte sich, dankte den Musikern, bat Gustav aufzustehen, um sich seinen Applaus abzuholen. Die anderen Solisten, Harfenistin, Flötistin, Posaunisten folgten. Es hatte keine Soli für Bass gegeben. Baschar war das gleich. Alma neben ihm strahlte.

Als der letzte Applaus verklang und der Dirigent das Zeichen zum Auflösen der Formation gab, drehte sie sich zu ihm, breitete die Arme aus und Baschar drückte Alma ganz vorsichtig an sich, als könnte er dieses Mädchen wie seinen Bass womöglich zerdrücken. Doch sie war stark, warm und duftete wie sein Lieblingsgarten. Da strich sie ihm plötzlich eine seiner Locken aus der Stirn, mit ganz weichen Fingern, und flüsterte: „Danke. Ohne dich hätte ich das nicht geschafft. Hast du nachher schon was vor? Heute Abend sollten wir feiern. Nur wir beide.“

Als sie später mit ihren Kontrabässen auf den Rücken die lange Rolltreppe hinunter nach draußen fuhren und schließlich vor der funkelnden Philharmonie standen, sahen sie einander an, und da verstand Baschar die Sache mit dem Weihnachtswunder.

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